Die Agoraphobie
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Die Agoraphobie
beschreibt die Angst davor, an einem Ort zu sein, von
dem es keinen Ausweg gibt oder an dem man keine Hilfe
findet, falls man sie braucht. Vermeintlich gefährliche
Orte werden also gemieden.
Probleme bei der Erkennung: Agoraphobie, Depression,
Zwangsstörung oder soziale Phobie?
Diese drei psychischen
Störungen haben ähnliche Symptome.
Geht jemand nicht aus dem Haus, weil er eine Platzangst
hat, oder ist er depressiv oder ist er Sozialphobiker?
Das Ergebnis dieser Störungen ist ja immer das
Gleiche: Der Betroffene zieht sich zu Hause zurück.
Der Unterschied zwischen sozialer Phobie und Agoraphobie
liegt darin, daß Agoraphobiker immer Angst haben,
nicht flüchten zu können, während die
Sozialphobiker primär Angst davor haben, zu versagen.
Typischerweise halten sich Agoraphobiker an öffentlichen
Orten dort auf, von wo sie schnell flüchten können,
während Sozialphobiker sich lieber in einer Ecke
verkrümeln.
Bei Agoraphobikern dreht sich immer alles darum, den
eigenen Körper in Sicherheit zu wissen, egal, was
andere davon halten. So denkt ein Agoraphobiker nicht
darüber nach, was andere darüber denken, wenn
er sich plötzlich aus dem Staub macht. Hauptsache
weg!
Sozialphobiker sehen das genau anders: Wenn sie plötzlich
verschwinden, was denken dann bloß die Leute über
sie? Peinlich...
Dies ist also ein weiterer Punkt zur Unterscheidung
zwischen Agoraphobie und sozialer Phobie: Der Agoraphobiker
folgt seiner Angst, egal was passiert, der Sozialphobiker
macht sich Gedanken, wie dies bei anderen wohl ankommt.
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Dies ist also ein weiterer Punkt zur Unterscheidung zwischen
Agoraphobie und sozialer Phobie: Der Agoraphobiker folgt seiner
Angst, egal was passiert, der Sozialphobiker macht sich Gedanken,
wie dies bei anderen wohl ankommt.
Der Unterschied zwischen Agoraphobie und Depression liegt
darin, daß bei einem depressiven Menschen das Zurückziehen
nicht aus Angst passiert, sondern aus einer Antriebslosigkeit
und Lustlosigkeit. Oftmals wird eine Agoraphobie durch eine
daraus entstandene Depression noch verstärkt.
Der Unterschied zwischen Agoraphobie und einer Zwangsstörung
liegt darin, daß bei einer Zwangsstörung die Betroffenen
deshalb nicht aus dem Haus gehen, weil wegen eines inneren
Zwanges stundenlang gewaschen, geputzt, kontrolliert oder
was auch immer getan werden muß.
Die Agoraphobie kurz zusammengefasst:
Agoraphobie
bedeutet die Vermeidung von/vor:
- Dem Zusammentreffen mit vielen Menschen
- Öffentlichen Orten und Plätzen
- Alleine zu verreisen
- Weit weg zu verreisen
Es treten folgende Symptome auf:
- Herzklopfen, rasender Puls
- Ein Gefühl der Beklemmung oder Benommenheit
- Ein trockener Mund
- Schwindel, manchmal Ohnmacht
- Beschwerden beim Atmen
- Schweißausbrüche
- Zittern
- Brustschmerzen
- Übelkeit
- Die Angst, die Kontrolle zu verlieren
- Todesangst
- Hitzegefühle oder Frösteln
- Kribbeln in den Gliedern oder Gefühlslosigkeit
- Unwirklichkeit der Situation bzw. das Gefühl, gar
nicht da zu sein
Dabei verstehen die Betroffenen meist, daß ihre Reaktion
eigentlich übertrieben ist. Diese Reaktionen treten überwiegend
in bestimmten Situationen auf.
Lesen Sie auch hier:
Der Selbsttest auf eine Agoraphobie
Wodurch entsteht eine Agoraphobie?
Meist
entsteht eine Agoraphobie durch folgende vier Schritte:
1. Es tritt an einem
an sich ungefährlichen Ort eine erste Panikattacke auf.
Ein solcher Ort könnte ein Kino sein, ein Restaurant,
ein Geschäft oder auf der Autobahn. Meistens traten vorher
bereits schon andere Angstsituationen auf.
2. Der Betroffene
bildet eine Bereitschaft zur Panik aus. Künftig wird
er in ähnlichen Situationen wieder einen Panikanfall
bekommen und er wird bemerken, daß die Panik sofort
verschwindet, wenn er diesen Ort verläßt.
3. Ab sofort wird
jede ähnliche Situation gemieden. Zudem tritt eine Art
Generalisierung ein. Wenn der Bus gefährlich war, dann
auch die Bahn usw. Dies kann so weit gehen, daß ab einem
gewissen Punkt alle öffentlichen Orte als gefährlich
angesehen werden.
4. Der Betroffene
sucht sich sogenannte "Sicherheitssignale", also
z.B. ein Handy, Alkohol, Freunde oder Bekannte, die für
ihn der letzte Rettungsanker werden, wenn sie trotzdem einmal
das Haus verlassen müssen. Dadurch jedoch verlieren sie
die letzte Möglichkeit, selbst etwas gegen die Agoraphobie
zu tun. Sie werden abhängig von Sicherheitssignalen und
schränken dadurch ihre Beweglichkeit in der Öffentlichkeit
noch mehr ein.
Man sollte zudem wissen, daß Agoraphobiker eigentlich
gar nicht bestimmte Situationen fürchten, sondern daß
sie Angst davor haben, schutzlos zu sein und in einer solchen
Situation keine Hilfe zu bekommen. Es wird also ständig
nach einem Ausweg aus der bedrohlichen Situation gesucht,
egal welchem. So ist die Agoraphobie also immer die Suche
nach einer Fluchtmöglichkeit bzw. Sicherheit in bestimmten
Situationen.
Interessant ist dabei wiederum, daß eine Agoraphobie
meist eine lange Vorgeschichte hat.
Oftmals erlebten die Betroffenen tiefgreifende Erlebnisse:
Ein Todesfall eines nahestehenden Menschen, eine schwere Krankheit,
die man selbst hatte oder ein naher Angehöriger bzw.
Freund, eine Behinderung, eine Scheidung (auch der Eltern),
eine Pleite, eine Naturkatastrophe und alles andere, was im
Laufe eines Lebens so Schlimmes passieren kann. Wichtig dabei
ist jedoch, daß man selbst nichts gegen dieses Ereignis
tun konnte und dieser ausgeliefert war. Denn daraus "lernt"
der Betroffene, daß er hilflos ist und unfähig,
ein solches Ereignis zu verhindern.
Meist erlernen die Betroffenen dies schon in der Kindheit,
der erste Grundstein wird also schon früh gelegt.
Zudem übertragen Agoraphobiker solche Situationen auch
auf andere Situationen, die eigentlich nichts damit zu tun
haben. Die Betroffenen fühlen sich den Gefahren des Lebens
schutzlos ausgeliefert, fühlen sich evtl. alleine, hilflos
und ohne Geborgenheit.
Die Symptomatik der Agoraphobie
Bei einer Agoraphobie tritt
eine große Angst vor bestimmten Situationen oder Orten
auf. In solchen Situationen oder an solchen Orten bekommt der
Erkankte bestimmte Symptome (siehe oben). Oftmals tritt eine
solche Phobie an Orten auf, die dem Betroffenen nicht vertraut
sind. Er hat Angst, niemanden zu finden, der ihm helfen könnte,
falls er in Not gerät bzw. keine Fluchtmöglichkeit
zu haben. Er bekommt das Gefühl, als würde er in der
Falle sitzen und ausgeliefert sein.
Agoraphobiker fürchten also, keine Kontrolle über
eine bestimmte Situation zu haben. Diese Angst ist so groß,
daß Agoraphobiker für logische Argumente nicht
mehr zugänglich sind und die Kontrolle über sich
selbst verlieren.
Die Agoraphobiker werden deshalb alles Mögliche versuchen,
nicht in eine solche Situation zu kommen. Es werden Strategien
und Handlungen ausgetüftelt, solche Situationen zu umgehen.
Allerdings nimmt dies dem Betroffenen auch die Chance, jemals
zu erlernen, daß die Ängste eigentlich unbegründet
sind. Durch ein solches Vermeidungsverhalten gerät der
Betroffene in einen Teufelskreis, der ihn immer weiter in
die Phobie hineintreibt.
Ein Unterschied zu einer spezifischen Phobie liegt in der
Tatsache, daß viele Situationen und Orte gefürchtet
werden und nicht nur ein bestimmter Angstauslöser wie
bei einer spezifischen Phobie.
Agoraphobie - Die zwei Arten davon
Es gibt zwei Arten
einer Agoraphobie: Die Agoraphobie mit und die Agoraphobie
ohne Panikstörung.
Interessant ist dabei, daß Menschen, die sich stationär
behandeln lassen, meist eine Agoraphobie mit einer Panikstörung
haben, während Patienten ohne Panikstörung meistens
keine Klinik aufsuchen (ca. 50%).
Die Auslöser für eine Agoraphobie ohne Panikstörung
sind meistens die körperlichen Symptome wie die Angst
vor einer Ohnmacht, Schwindel, Verdauungsstörungen, ständiger
plötzlicher Harndrang, das Gefühl der Schwäche
usw.
Das Problem Schwindel
Viele Agoraphobiker
kennen das typische Schwindelgefühl, das die Angst auslöst,
umzukippen oder in Ohnmacht zu fallen. Manchmal haben sie
auch das Gefühl, wie in Watte gepackt zu sein, keine
Bodenhaftung mehr zu haben.
Auch das löst wiederum eine Angst davor aus, umzufallen
und hilflos liegenzubleiben. Und gerade da liegt das Problem:
Es ist zwar schon schlimm genug umzukippen, jedoch viel mehr
Angst bereitet das vermeintliche Wissen, dann vor anderen
hilflos dazuliegen, ausgeliefert zu sein und die Hilfe anderer
zu benötigen, die dann möglicherweise nicht kommt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, daß dieser
Schwindel kein gewöhnlicher Schwindel ist, also etwa
ausgelöst durch Kreislaufprobleme, durch Drehen oder
einem Auf und Ab wie in der Achterbahn.
Dieser Schwindel wird direkt im Gehirn ausgelöst in einem
Hirnbereich, der auch dafür zuständig ist, wenn
es zu Muskelverspannungen kommt. Na, dämmert es bei Ihnen?
Die Betroffenen befinden sich wiederum in einem Teufelskreis:
Weil sie so angespannt sind, wird ihnen schwindelig, und weil
ihnen schwindelig ist, verspannen sie sich immer weiter. Eine
Spirale also, die sich selbst am Leben erhält.
Die Tipps und Tricks der Agoraphobiker
Viele Agoraphobiker
entwickeln Tricks und verschaffen sich Fluchtmöglichkeiten,
um den Alltag überstehen zu können. Oft spielen
sie ihrer Umwelt auch eine Rolle vor.
- Sie nehmen Beruhigungsmittel
- Sie verlassen sich auf Ihr Handy, wenn es brenzlig wird
- Sie verlassen das Haus niemals alleine
- Sie bringen in Erfahrung, wo der nächste Arzt erreichbar
ist
- Sie suchen sich immer etwas, woran sie sich festhalten
bzw. anlehnen können
- Sie verwenden Lügen wie: Ich habe Kopfweh oder andere
Beschwerden
- Sie täuschen eine Krankheit vor, um nicht außer
Haus zu müssen
- Sie schieben eine Arbeit vor, die sie unbedingt erledigen
müssen
All diese Vermeidungshandlungen führen auf lange Sicht
dazu, unselbständig zu werden und sich immer mehr von
der Außenwelt abzukapseln.
Gefühlsschwankungen während der Agoraphobie
Während einer Agoraphobie
schwankt die Stärke der Belastungen. Was heute gar nicht
geht, wird morgen vielleicht schon wesentlich einfacher erledigt.
Agoraphobiker haben also gute und schlechte Tage. Für die
Betroffenen schafft dies allerdings eine noch größere
Unsicherheit, was sie tun können und was nicht. Und genau
das treibt sie wiederum tiefer in die Krankheit: Sie wissen
nicht mehr, woran sie sind, fühlen sich hilflos und ausgeliefert.
Agoraphobie - Die Folgen
Eine solch schwere
Erkrankung hat natürlich auf längere Zeit auch Folgen
im Leben der Betroffenen.
Meist schwindet die Hoffnung, eine lebenswerte Zukunft zu
haben, was manchmal dazu führt, daß die Erkrankten
für depressiv gehalten werden. Meist führt dies
sogar wirklich in eine Depression, die die Agoraphobie dann
noch verstärkt, so daß die Agoraphobie irgendwann
chronisch wird.
Auch die Familie eines Agoraphobikers leidet im Laufe der
Zeit. Es gibt keine gemeinsamen Urlaube mehr, Feiern finden
ohne den Betroffenen statt usw.
Dies spitzt sich im Laufe der Zeit immer weiter zu, so daß
es oft Krach in der Familie gibt. Für den Betroffenen
hat dies besonders schwerwiegende Konsequenzen: Die Menschen,
die ihm immer Hilfe gaben, wenden sich von ihm ab.
In manchen Fällen führt das Vermeidungsverhalten
der Agoraphobiker auch dazu, daß sie ihren Arbeitsplatz
verlieren. Tatsächlich ist dies bei ca. 30% der Fall.
Und schließlich verfallen viele Agoraphobiker in eine
Sucht, sei es von Tabletten, Alkohol oder anderen Drogen.
Anfänglich werden diese Mittel dazu eingenommen, um weiter
"umwelttauglich" zu sein, später verliert sich
aber die Wirkung und es muß höher dosiert werden.
Wird eine Agoraphobie nicht behandelt, kann sie lebenslang
bestehen bleiben.
Agoraphobiker, die zusätzlich eine Depression entwickeln,
haben ein nicht unwesentliches Selbstmordrisiko!
Wann sollte eine Therapie begonnen werden
Es kann durchaus sein,
daß ein Agoraphobiker jahrelang mit seiner Störung
gut leben kann. Aber meist kommt es zu einem Punkt, wo es
alleine nicht mehr weitergeht. Dies ist der Fall, wenn:
- Man nicht mehr in der Lage ist, sein sicheres Haus zu
verlassen
- Man wichtige Reisen nicht mehr machen kann, zum Beispiel
eine Weiterbildung in einer anderen Stadt
- Man berufliche Nachteile hat, weil man ortsgebunden ist
- Man in seiner Freizeit eingeschränkt ist, weil man
das Haus nicht verlassen möchte
- Es andauernd Streit mit dem Lebensgefährten oder
den Kindern gibt, weil man sich immer mehr zurückzieht
- Man den Job verliert
- Man alltägliche Dinge, wie z.B. Einkaufen, nicht
mehr alleine schafft.
- Wenn die Panikreaktion so stark ausgeprägt ist, daß
eine Gefahr für den Erkrankten besteht, z.B. im Straßenverkehr,
am Arbeitsplatz usw.
Der Grundsatz einer Therapie - Die Konfrontation mit dem
Angstauslöser
Man kann ja auf vielfältige
Weise an einer Agoraphobie herumdoktern, der einzig wirkliche
Weg zum Erfolg ist die Konfrontation mit der angstauslösenden
Situation. Dabei wird der Agoraphobiker mit genau den Dingen
konfrontiert, die seine Panik auslösen. Auch die inneren
Symptome, wie Zittern, Übelkeit usw., werden von ihm
genau beobachtet. Gerade die Beobachtung der inneren Symptome
oder Gefühle soll dem Agoraphobiker die Ursachen der
Phobie aufzeigen. Zu solchen inneren Symptomen gehören
Gefühle wie:
- Die Angst, verlassen zu werden
- Anderen schutzlos ausgeliefert zu sein
- Hilflosigkeit
- Wut, Ärger über andere Menschen
- Angst vor dem Verlust der Kontrolle über eine Situation
und sich selbst
- Ablehnung zu erfahren
- Die Angst vor einer Krankheit
- Die Angst zu sterben
Meist stehen solche Gefühle hinter der Agoraphobie,
sie sind die eigentlichen Auslöser. Darum ist es wichtig,
daß der Patient und auch der Arzt von diesen Gefühlen
wissen, damit man dagegen etwas tun kann.
Die Konfrontationstherapie
Eine Agoraphobie vergeht
leider nicht von alleine. Wenn man also nichts dagegen tut,
kann sie ein Leben lang bestehen bleiben.
Der richtige Weg ist, sich seinen Ängsten zu stellen
und ihnen ins Auge zu blicken. Genau dies geschieht bei einer
Konfrontationstherapie. Eine solche Konfrontationstherapie
setzt man bei Agoraphobien ein, aber auch bei sozialen Phobien,
bei Zwangserkrankungen und bei spezifischen Phobien.
Der Hintergrund einer Konfrontationstherapie ist der, daß
man davon ausgeht, daß eine Angst nur durch die Vermeidung
der Auslöser am Leben gehalten wird. Wenn man sich jedoch
einer solchen Angst stellt und erkennt, daß das, wovor
man Angst hat, eigentlich gar nicht so schlimm ist, kann man
lernen, die Angst zu überwinden. Meist ist dies sogar
wichtiger als lange nach Ursachen zu suchen.
Die zwei Formen der Konfrontationstherapie
Die Konfrontationstherapie
kann man auf zwei verschiedene Arten durchführen: Langsames
Erhöhen der Stressfaktoren oder totale Überschüttung
mit den Stressfaktoren, was man auch Reizüberflutung
nennt oder auch "die Holzhammermethode" nennen könnte.
Bei der ersteren Methode lernt man schrittweise, sich angstauslösenden
Situationen zu stellen. Es wird erlernt, daß die Angstmacher
eigentlich gar nicht so schlimm sind und die Angst eigentlich
unbegründet ist. Die Reize werden so lange erhöht,
bis die Angst in sich zusammenbricht.
Bei der Reizüberflutung überschüttet man
den Patienten geradezu mit Angstauslösern, speziell dem
jeweiligen größten Angstauslöser. Dies geschieht
natürlich nur unter ärztlicher Aufsicht. Zu empfehlen
ist diese meist dann, wenn der Patient früher eigentlich
der mutige Typ war, den nichts umgehauen hat. Meist kommt
die Phobie nämlich in einem solchen Fall daher, daß
bei einer solchen Situation der Mut versagt hat und man eine
Panik erlebte. Die Reizüberflutung zeigt dem Patienten,
daß er normalerweise keine Angst vor einer solchen Situation
haben muß.
Neben der Therapie bei einem Therapeuten können Sie
jedoch auch selbst einiges tun, um der Agoraphobie ihre Macht
zu nehmen.
Selbsthilfe bei Agoraphobie
Zu Beginn ist es natürlich
wichtig, daß Sie selbst erkennen, was da so vor sich
geht. Machen Sie sich also klar, daß:
- Die Panik eigentlich eine übersteigerte Form von
Stress ist.
- Sie körperlich eigentlich gesund sind
- Sie die Panik dadurch abmildern können, wenn Sie
an etwas Schönes denken
- Sie nicht vor Panik flüchten sollten, sondern ganz
in der Situation bleiben sollten (körperlich als auch
geistig), bis die Angst vergeht
- Sie herausfinden sollten, wann und wodurch die Angst wieder
verschwindet
- Sie Vermeidungshandlungen vermeiden sollten
- Sich über Erfolge freuen und vielleicht sogar belohnen
Wenn Sie dies begriffen haben, können Sie mit Ihrer
Selbstbehandlung fortfahren.
Zu Beginn wird es nicht ohne Angst gehen
Bevor Sie mit Ihrem Training beginnen, sollten sie sich
klar machen, daß es eine Angstfreiheit nicht von jetzt
auf gleich gibt. Wichtig ist für Sie, daß Sie sich
vornehmen, die Angst zu überwinden, auch wenn es manchmal
Rückschläge gibt. Sie müssen also eine innere
Bereitschaft zur Angstbewältigung haben, bevor es richtig
losgeht!
Sie müssen sich also darüber klar sein, daß
Sie in Situationen kommen werden, die Ihnen Angst bereiten
und Sie müssen bereit sein, sich diesen Ängsten
zu stellen.
Setzen Sie sich konkrete Übungsziele
Solche Ziele sollten möglichst eindeutig definiert
sein und von leicht nach schwer aufgeschrieben werden. Ein
Beispiel wäre es, eine halbe Stunde an einem Bahnhof
zu stehen und nicht wegzugehen, egal was passiert. Beachten
Sie jedoch, daß Sie wirklich langsam anfangen sollten,
überfordern Sie sich nicht gleich am Anfang. Schwierige
Situationen sollten Sie nur mit einer Begleitperson aufsuchen!
Fangen Sie also langsam mit leichten Übungen an! Dies
hat auch den Vorteil, daß Sie Erfolgserlebnisse sammeln
können, die Ihnen zusätzlich Kraft und Selbstvertrauen
geben. Steigern Sie dann den Schwierigkeitsgrad.
Wichtig ist auch, daß Sie eine Art Tagebuch führen,
in dem Sie das vermerken, was Sie "geschafft" haben,
wie Sie sich dabei gefühlt haben und wann Sie möglicherweise
versagt haben und warum.
Akzeptieren Sie die Angst
Wenn Sie beim Üben dann doch einmal die Angst erwischt,
sollten Sie nicht dagegen ankämpfen. Das würde nur
Ihre Kräfte aufzehren. Vielmehr sollten Sie der Angst
Ihren Lauf lassen. Die Angst ist wie ein alter Bekannter,
der mal kommt und dann schnell wieder geht. Sie werden im
Verlauf des Trainings lernen, daß eigentlich gar nichts
passiert, wenn Sie sich der Angst hingeben und nicht davor
weglaufen.
Festigung der Fortschritte
Sie sollten die einzelnen Übungen mehrmals hintereinander
wiederholen, damit sich Ihr Erfolg festigt und Sie ein Gefühl
dafür bekommen, wie es Ihnen dabei geht. Auch Ihr Körper
stellt sich auf die Erfolgserlebnisse ein und Sie werden nach
einiger Zeit merken, daß der Puls und der Herzschlag
wieder sinken und Sie etwas gelassener werden.
Sie sollten solche Übungen über Wochen durchführen
und sich jeden Tag eine feste Zeit dafür einplanen.
Das regelmäßige Üben hat noch einen weiteren
Vorteil: Man gewöhnt sich generell an angstauslösende
Situationen, so daß eine quasi automatische Reduktion
der Angst entsteht. Andersherum verschlimmert sich Ihr Allgemeinzustand:
Üben Sie nur sporadisch, bedeutet dies für Sie zusätzlichen
Stress, aus dem kaum Positives gewonnen werden kann.
Wenn Sie nach einigen Tagen oder Wochen Fortschritte bei
sich sehen, so sollten Sie sich auch dafür belohnen:
Gehen Sie Essen, kaufen Sie sich etwas Schönes, loben
Sie sich selbst usw.
Übrigens: Phobiker neigen dazu, kleine Erfolge zu übersehen.
Werfen Sie also nicht gleich die Flinte ins Korn, wenn Sie
glauben, daß sich nichts verändert hat, sondern
halten Sie durch!
Tiefschläge überstehen
Wir wollen Ihnen nichts vormachen: Natürlich wird es
auch Tiefschläge geben.
Das sollte Sie aber nicht davon abhalten, Ihr Training fortzuführen!
Es ist wichtig, daß Sie Erfahrungen sammeln, auch negative,
die Sie stark machen gegen die Angst.
Denken Sie daran: Üben Sie auch, wenn es Ihnen nicht
so gut geht. Nach der Gesundung müssen Sie ja auch stabil
sein, wenn es Ihnen einmal nicht so gut gehen sollte.
Warten Sie die Angst ab
Wenn Sie es während Ihrer Übungen plötzlich
mit der Angst zu tun bekommen: Nicht weglaufen, nicht abbrechen,
sondern warten, bis Ihre Angst wieder vorbei geht. Seien Sie
sicher, daß Ihre Angst relativ schnell wieder vergeht.
Versuchen Sie Ihre körperlichen Symptome zu ignorieren,
denn wenn Sie sich ihnen hingeben, wird Ihre Angst immer größer
werden. Meist dauert eine solche Angstsituation maximal eine
halbe Stunde, bevor sie von alleine vergeht.
Wenn Sie sich jedoch der Angst wieder hingeben und flüchten,
so wird die Angst in der nächsten ähnlichen Situation
wahrscheinlich noch größer sein.
Für den Notfall: Atemtechniken können helfen
Erwischt Sie die Angst dennoch einmal eiskalt, können
Atemtechniken weiterhelfen, die Angst durchzustehen. Atmen
Sie dazu tief durch die Nase ein, halten Sie die Luft kurz
an und atmen Sie dann langsam, aber tief aus dem Mund aus.
Nach dem Ausatmen warten Sie wiederum eine kurze Weile, bevor
Sie wiederum durch die Nase tief einatmen.
Durch diese Atemtechnik entspannt sich die Muskulatur und
der Herzschlag verlangsamt sich.
Machen Sie sich nicht selbst verrückt
Reden Sie sich nicht selbst ein, daß gleich etwas ganz
Schlimmes passieren wird. Tun Sie das nämlich, so steigern
Sie sich selbst immer weiter in die Angst hinein.
Versuchen Sie, das Geschehen ganz ruhig zu beobachten, so
als wären Sie unbeteiligt. Denken Sie darüber nach,
was tatsächlich passiert und nicht, was vielleicht
passieren könnte. Beobachten Sie Ihre körperlichen
Symptome, wie der Pulsschlag steigt, das Herz schneller schlägt,
Sie vielleicht schwitzen, aber brechen Sie darunter nicht
zusammen. Sagen Sie sich vielmehr, daß das eine normale
Angstreaktion ist, die gleich vorübergeht und die keine
Gefahr für Sie darstellt.
Reden Sie sich selbst Mut zu. Sagen Sie sich, daß die
Angst gleich vorübergeht und daß Ihnen nichts passieren
wird. Sagen Sie sich selbst, daß Sie, wenn Sie die Situation
überstanden haben, ein viel besseres Gefühl haben
werden als zuvor.
Wenn Ihnen das alles in einer Angstsituation nicht mehr einfällt,
sollten Sie sich solche Sätze, die sich positiv auf Sie
auswirken, auf ein Stück Papier schreiben und sich dann
selbst diese Sätze vorlesen. Lesen Sie laut und deutlich
vor und konzentrieren Sie sich ganz genau auf diese Sätze,
ohne sich von der Angst ablenken zu lassen.
Vertrauen Sie auf sich selbst
Im Laufe des Trainings werden Sie bemerken, daß Sie
die Angst immer besser in den Griff bekommen. Versuchen Sie,
ab einem relativ sicheren Zeitpunkt auf Entspannungsübungen
oder andere Hilfsmittel zu verzichten. Werfen Sie also diese
Krücken weg und erlernen Sie, sich der Angst quasi schutzlos
zu stellen. Das ist wichtig, damit Sie lernen, daß die
Angst Sie auch ohne Hilfsmittel nicht umwerfen kann.
Übrigens: Auch Medikamente, Beruhigungsmittel, Nikotin,
Alkohol oder Sonstiges sollten Sie ab jetzt nicht mehr wegen
der Angst einnehmen. Sprechen Sie jedoch im Falle einer Medikamentengabe
vorher mit Ihrem Arzt darüber!
Wenn Sie in den nächsten Tagen dann einige positive
Selbsterlebnisse gemacht haben, wird Ihr Selbstvertrauen sprunghaft
ansteigen.
Setzen Sie sich positive Ziele
Wenn Sie sich Ziele setzen, dann formulieren Sie sie positiv:
Sagen Sie sich also nicht "Ich will keine Angst mehr
haben" oder "Ich will nicht mehr schwach sein",
sondern "Ich will frei von Angst sein" oder "Ich
bin stärker als die Angst". Warum? Nun, hier kommt
wieder etwas Psychologie ins Spiel: Wenn man sich im Geiste
Ziele setzt, so blendet das Gehirn Verneinungen aus.
Beispiel "Ich will nicht mehr schwach sein" wird
dann zu "Ich will schwach sein".
Übrigens setzen solche Sätze auch Mentaltrainer
ein, die Menschen helfen wollen, positive Ziele zu erreichen,
wie z.B. dem Aufhören mit dem Rauchen. Hier bekommt man
gesagt "Ich will aufhören zu Rauchen" oder
"Ich will gesund leben" anstatt "Ich will nicht
mehr rauchen", denn das würde genau das Gegenteil
des gewünschten Zieles bewirken.
Formulieren Sie Ihre Ziele also positiv:
- Ich will wieder gesund sein
- Ich will ohne Angst leben
- Ich bin stärker als die Angst
usw.
Und wenn es doch schief ging: Versuchen Sie es erneut
Wenn Sie der Angst nicht standhalten konnten, sollten Sie
sich darüber nicht ärgern! Sehen Sie es als Erfahrung
an, die Ihnen beim nächsten Mal weiterhilft!
Wichtig ist nur, daß Sie sich möglichst schnell
der gleichen Situation wieder aussetzen, nachdem Sie sich
bewußt gemacht haben, was beim ersten Mal schief ging
Lernen Sie wieder, ohne Hilfe leben zu können
Viele Angstpatienten versuchen immer, etwas oder jemanden
in Reichweite zu haben, an das oder dem sie sich festklammern
können, wenn es mal wieder schlimm wird.
Sie müssen ab einem gewissen Zeitpunkt lernen, wieder
ohne Hilfsmittel oder Helfer auszukommen, denn nur so können
Sie in Zukunft Ihr Leben alleine meistern.
Wie Sie vielleicht gemerkt
haben, wird es wahrscheinlich immer wieder Rückschläge
geben. Das sollte Sie aber nicht davon abbringen, Ihr Training
fortzuführen. Tatsächlich könnte man von "zwei
Schritte vor, einen zurück" sprechen, aber auch
das bringt Sie auf die Dauer immer weiter nach vorne.
Beispiele von Trainingspunkten
Was könnte ich in mein Trainingsprogramm einbauen, mir
fällt ja nichts ein...
Deshalb hier einige Beispiele, wie ein solches Training aussehen
könnte:
- Gehen Sie in ein Lokal und setzen Sie sich mitten in den
Raum
- Gehen Sie in einen Supermarkt und bleiben Sie da für
eine Stunde
- Kaufen Sie dort etwas und stellen Sie sich in eine lange
Schlange an der Kasse
- Besuchen Sie ein Theater, die Oper, das Kino, die Kirche
und bleiben Sie da für eine Stunde
- Gehen Sie auf ein Konzert, mitten in die Menschenmenge
(Vorsicht: Sehr schwierig für Agoraphobiker!)
- Fahren Sie einige Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln,
also Bussen, Bahnen, Straßenbahnen usw.
- Machen Sie eine Fernreise, in einem Bus, mit der Bahn
oder dem Auto
- Machen Sie eine Bootsfahrt auf einem Fluß oder einem
Meer
- Benutzen Sie Seilbahnen oder Lifte
- Besteigen Sie einen Turm oder auch einen Berg
- Gehen Sie in den Wald (aber nicht verlaufen!)
- Gehen Sie in der Nacht durch eine Stadt
Achten Sie darauf, den Schwierigkeitsgrad immer zu steigern
und letztendlich zu Ihren Haupt-Angstauslöser zu kommen.
Wenn das alles nichts hilft...
... sollten Sie sich fragen, warum.
Haben Sie (vielleicht
unbewußt) doch wieder Ihre Haupt-Angstauslöser
vermieden? Wenn ja, dann ist der Mißerfolg natürlich
klar. Sie müssen dazu bereit sein, sich selbst einer
Paniksituation zu stellen, bis Sie damit umgehen können.
Oder wissen Sie vielleicht gar nicht, was Ihr Haupt-Angstauslöser
ist?
Dann ist es natürlich auch klar, daß Sie sich
ihm nicht stellen konnten. Sie müssen also herausfinden,
worin Ihre Angst ursprünglich liegt. Fürchten Sie,
daß Ihr Herz stehen bleibt? Haben Sie Angst davor, ohnmächtig
zu werden, hilflos zu sein, den Verstand zu verlieren, zu
sterben?
Solange Sie das nicht wissen, kann auch die Konfrontationstherapie
nicht weiterhelfen.
Leiden Sie vielleicht auch unter einer sozialen Phobie?
Dann wäre es möglich, daß es neben der Angst
vor bestimmten Situationen oder Orten auch eine Angst vor
den Reaktionen der anderen Menschen gibt. So stellen Sie sich
zwar den Angstauslösern der Agoraphobie, gleichzeitig
haben Sie aber auch Angst vor den Reaktionen der Mitmenschen,
die es Ihnen nicht möglich macht, die Angstsituation
zu überwinden.
Oder haben Sie gleichzeitig eine Depression?
Wenn ja, sollten Sie in einer depressiven Phase keine Konfrontationstherapie
durchführen. Ihnen fehlt einfach die Kraft dazu, sich
diesen Herausforderungen zu stellen. Wenn doch, wird die Konfrontationstherapie
fehlschlagen, Ihre Ängste werden sich weiter aufbauen
und die Depression wird sich verschlimmern.
Vielleicht leiden Sie auch unter einer Persönlichkeitsstörung?
Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung sind
in ihrem Denken, Fühlen und Handeln stark an die Persönlichkeitsstörung
gebunden. Diese Bindung ist so stark, daß man selbst
mit einer Konfrontationstherapie keine Änderung erwirken
kann. Eine Therapie gegen die Persönlichkeitsstörung
wäre hier zuerst angezeigt.
Oder liegt es am Stress in der Familie oder dem Beruf?
Wenn tief unter der Agoraphobie eigentlich der Stress in
der Familie oder dem Beruf steht, vielleicht eine Verlustangst
davor, daß der Partner sich trennt oder daß man
arbeitslos wird, so ist es natürlich wichtig, erst diese
Stressituation in den Griff zu bekommen.
Vielleicht waren Sie auch nicht bei der Sache?
Dachten Sie die ganze Zeit an etwas anderes und nicht an
die Aufgaben, die Sie sich gestellt haben? Dann haben Sie
die ganze Zeit über den Angstauslöser gar nicht
richtig wahrgenommen und sich ihm nicht gestellt.
Für Sie bedeutet das dann: Nochmal von vorne, aber diesmal
richtig!
Oder profitieren Sie vielleicht sogar von Ihrer Angst?
Hört sich nun seltsam an, ist aber durchaus richtig.
Viele Phobiker haben ja auch einige Vorteile durch ihre Phobie,
auch wenn sich das jetzt vielleicht seltsam anhört: Sie
werden verstärkt beachtet, sie haben immer eine Ausrede,
irgendetwas nicht tun zu müssen oder irgendwo hin zu
müssen oder vielleicht sogar den Vorteil, daß der
Partner bleibt, weil er es nicht über's Herz bringt,
sie so krank zurückzulassen.
Manche Phobiker lassen dann unbewußt ihre Phobie nicht
los, weil sie sonst sekundär etwas verlieren könnten,
was ihnen sehr wichtig ist.
In ganz seltenen Fällen ist die Phobie auch das letzte,
was der Erkrankte noch hat. Außer der Phobie ist das
Leben leer, die Phobie ist also der einzige Lebensinhalt.
Warum diesen Lebensinhalt aufgeben? Wichtig ist in diesem
Fall, daß das Leben mit anderen Inhalten gefüllt
wird, mit Hobbys, Freundschaften, Bekanntschaften oder Lebenszielen,
bevor man die Angst therapiert.
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